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VSF-SUISSE HAT EIN GESICHT: LERNEN SIE ABDIRASHID SALAH SOMANE AUS ÄTHIOPIEN KENNEN

VSF- Suisse, 02.11.2015

Abdirashid arbeitet schon seit 2012 in unserem äthiopischen Länderbüro. Der geborene Nomade ist in sein Heimatland zurückgekehrt, nachdem er seine Ausbildung im Ausland absolviert hatte. Er ist davon überzeugt, dass die Nomaden ihre kulturellen Stärken wiederentdecken müssen, um in kargen Gebieten eigenständig überleben zu können. Die Veränderungen können aber nur von den Gemeinschaften selbst kommen, nicht von aussen. Wollen Sie mehr erfahren? Lesen Sie das Interview mit Abdirashid! Er erzählt von seinen bisherigen Jobs in der NGO-Szene, seinem nomadischen Hintergrund, und wie es war, schon mit 6 Jahren als Kamelhirte zu arbeiten!

 
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Abdirashid, kannst du uns kurz erzählen, wer du bist und welche Rolle du bei VSF-Suisse hast?


Ich bin Abdirashid, und ich komme aus der Somali-Region Äthiopiens. Ich wurde als Nomadenkind geboren und bin dann auch in der Nomadengemeinschaft aufgewachsen. Jetzt bin ich 40 Jahre alt und für VSF-Suisse Gebietsleiter für die äthiopische Somali-Region.
 

     

Wie hast du zu VSF-Suisse gefunden und seit wann arbeitest du schon bei uns?


Ich habe im März 2012 begonnen, für VSF-Suisse zu arbeiten. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich zu den ersten Mitarbeitern im Landesbüro von Äthiopien gehörte!


Damals hat mich mein ehemaliger Arbeitskollege Kebadu Simachew Belay angerufen. Er war inzwischen der Direktor des Landesbüros von VSF-Suisse in Äthiopien. Er hat mich gebeten, mit ihm bei einem Projekt von VSF-Suisse zusammenzuarbeiten.


Warum er sich an mich gewandt hat? Weil er mich einfach schon sehr gut kannte! Er wusste, dass ich selbst als Nomadenkind geboren worden war, und dass ich die ganzen Sprachen und Dialekte der Nomaden sprechen konnte, und dass ich gut mit den Älteren der Nomadengemeinschaften umgehen konnte. Er wusste, dass ich das Projekt gut machen würde! Und natürlich wusste er auch, dass ich ein Mensch bin, der mit allen möglichen Leuten gut kann. Es ist ganz egal, ob das Nomaden sind, oder Halbnomaden, oder Bauern, oder Flussbauern, oder Flüchtlinge und Vertriebene, oder Stadtmenschen oder wer auch immer; Ich komme mit allen Leuten gut zurecht.


Was mir Kebadu über die Projekte von VSF-Suisse und die Arbeitsweise der Organisation erzählt hat, klang für mich grossartig, und deshalb bin ich hier!

 

Was genau ist deine Aufgabe bei VSF-Suisse?


Ich bin der Gebietsleiter für die Somali-Region in Äthiopien. Ich arbeite von Jijiga, Äthiopien aus. Ich arbeite mit allen möglichen öffentlichen Stellen zusammen, wie zum Beispiel dem Wasserbüro, dem Büro für Nutztierhaltung, Pflanzenhaltung und ländliche Entwicklung (LCRDB), dem Zonenbüro, der Bezirks- und Bauernvereinigung, verschiedenen Regierungsebenen wie dem leitenden Botschafter, und natürlich mit den Älteren der Nomadengemeinschaften und ihren Oberhäuptern wie den Ugas. Ugas, Suldan und Wabar sind die Bezeichnungen, die den traditionell gewählten Nomadengemeinschafts-Oberhäuptern in der Somali-Region gegeben werden. Sie sind für jede Entscheidungsfindung enorm wichtig, besonders während der Projektplanungs- und anschliessenden Umsetzungsphase. Ausserdem arbeite ich auch eng mit anderen gemeinnützigen Organisationen und UNO-Vertretungen zusammen, die in der Somali-Region tätig sind.


Bevor ich Gebietsleiter für die Somali-Region in Äthiopien geworden bin, war ich Projektmanager für verschiedene Nothilfeprojekte des HRF. Eines meiner Projekte war zum Beispiel das „Ernährungsbasierende tierärztliche Nothilfeprogramm in Dürre geschädigten Bezirken der Siti-Zone in der äthiopischen Somali-Region“. Seit ich bei VSF-Suisse bin, habe ich in der Gode-Zone, in Kabridahar, in Shilabo, in Nogob, in Degehabur sowie in Dolo gearbeitet und bin nun in vier Bezirken der Siti-Zone unterwegs.

 

Das hört sich nach einer ziemlichen Herausforderung an und du klingst wie ein sehr aufgestellter Mensch! Was tust du in deiner Freizeit, um dich ein bisschen zu entspannen?


Ich habe nicht viel Freizeit; Ich bin eigentlich jeden Tag komplett ausgebucht. Bei mir gibt es auch keine Uhrzeit, zu der ich Schluss mache. Manchmal arbeite ich auch abends und an den Wochenenden. Falls ich aber doch mal ein oder zwei Stunden Freizeit habe, surfe ich ein bisschen im Internet, gehe beten, oder esse etwas Gutes. Da ich ja in der Nomadengemeinschaft aufgewachsen bin, ist Kamelmilch mein liebstes Essen, dicht gefolgt von Fleisch und Reis. Ich glaube übrigens dem nomadischen Sprichwort “Jedes Essen ist roh, ausser Milch.” Im Somali-Kontext bedeutet das, dass wir Milch nicht erhitzen oder kochen, egal von welchem Tier sie kommt.


Davon abgesehen investiere ich meine Freizeit ins Lernen, da ich gerade meinen Master am Zentrum für Humanitäre Studien KALU in Spanien mache. Und natürlich achte ich darauf, dass ich so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringe.

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Das klingt, als hättest du eine grosse Familie?


Ja, ich habe neun Kinder! Das ist hier in Afrika eigentlich ganz normal, überhaupt, wenn man als Nomade aufgewachsen ist. Ich habe sechs Buben und drei Mädchen mit zwei Frauen.

 

Da wir gerade bei deinem nomadischen Hintergrund sind: Kannst du uns ein bisschen davon erzählen, wie es war, als Kind in der Somali-Region zu leben? Wie wurdest du zu dem Menschen, der du heute bist? Was hat dich geprägt?


Ich bin 1974 in Äthiopien geboren worden. Mein Geburtsort liegt ganz in der Nähe der kenianischen Grenze. Da es damals eine Dürre gab, sind die Nomaden viel herumgezogen, um Wasserstellen für ihre Tiere zu finden. Jeder ist also einfach von Äthiopien nach Kenia und wieder zurück gegangen, wie es ihm gerade gefallen hat. Wir alle hatten in beiden Ländern einen Ausweis. Wir wurden sowohl als Äthiopier als auch als Kenianer angesehen.


Als ich 4 Jahre alt war, zog mein Vater nach Somalia und meine Mutter ist ihm kurz darauf gefolgt. Von da an habe ich bei meiner Grossmutter gelebt. Sie war auch eine Nomadin. Sie hat Kamele, Kühle, Geissen, Schafe und Esel gehalten. Ich bin recht bald ein Kamelhirte geworden und habe im Busch gewohnt bis ich 8 Jahre alt war. Im Busch sind mir alle möglichen furchteinflössenden wilden Tiere über den Weg gelaufen, wie zum Beispiel Löwen, Hyänen, Wölfe, Giraffen und grosse Affen. Und das täglich! Man kann sich sicher vorstellen, wieviel Angst ich damals als Kind hatte. Ich war nicht besonders glücklich, da ich die ganze Zeit draussen bei den Kamelen schlafen musste, ohne Geborgenheit, ohne Familie, ohne anständige Kleider, und öfters habe ich mich ein halbes Jahr lang nur von Kamelmilch ernährt und hatte nicht einmal Wasser.


Als ich dann 8 Jahre alt war, wollte ich nicht mehr im Busch bleiben. Ich wollte in die Stadt gehen und etwas lernen. Also bin ich ganz alleine zu Fuss nach Mandera in Kenia gegangen. Das war 75 Kilometer entfernt! Dort habe ich meine Onkel aufgesucht, aber die wollten mir nicht helfen. Sie haben mich einfach weiter nach Somalia geschickt. Dort habe ich dann bei meinem Vater als Flüchtling gelebt.


2 Jahre später, als ich 10 war, hat es mir gereicht. Ich habe mir eines Tages ein einfaches Transportmittel geschnappt und bin abgehauen. Ich bin nach Kenia gezogen und habe dort angefangen, in die Schule zu gehen. Meine Ausbildung habe ich 1992 beendet. Da ich weder Eltern noch einen gültigen kenianischen Ausweis mehr hatte, haben mich die kenianischen Behörden als äthiopischen Ausländer registriert. Sie sagten, dass ich zwar meine Ausbildung in Kenia machen könne, aber nicht zum Arbeiten dort bleiben dürfe. Also musste ich nach Äthiopien zurückgehen. Dort habe ich Anfang 1993 bei MSF Holland meine erste Arbeit gefunden.
 

Das hört sich ziemlich dramatisch an, aber gleichzeitig auch sehr spannend. Wo hast du ausserdem gearbeitet, bevor du zu VSF-Suisse gekommen bist?

 

Nach MSF Holland habe ich für den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) gearbeitet, danach für Save the Children Amerika, Grossbritannien und International. Ausserdem habe ich für die Norwegische Kirchliche Hothilfe, sowie für regionale Organisationen wie die Vereinigung für die Belange der Nomaden (PCA) und die Ogaden Wohlfahrts-Entwicklungs-Gesellschaft (OWDA) gearbeitet. Zum Schluss war ich Amtsleiter bei Mercy Corps. Da hatte ich eine grossartige Position und eine hohe Mitarbeiterzahl unter mir.

 

Warum hast du eine Position wie diese verlassen und dich dazu entschlossen, bei VSF-Suisse zu arbeiten?


Kurz gesagt: Weil VSF-Suisse exakt auf die Bedürfnisse der Nomaden-Gemeinschaft eingeht.

 

Bevor ich angefangen habe, bei VSF-Suisse zu arbeiten, habe ich mir meine Arbeitsstellen nach Gehalt, Aufstiegsmöglichkeiten oder Machtpositionen ausgesucht. Aber bei VSF-Suisse hatte ich gleich das Gefühl, dass das, was sie tun, einfach das richtige ist. VSF-Suisse respektiert die nomadischen Gemeinschaften und lernt auch von ihnen. Ich habe diese Stelle nicht bekommen, weil ich irgendwie beruflich besonders vernetzt wäre und die richtigen Leute kennen würde, nein, ich habe diese Stelle bekommen, weil ich ursprünglich aus dem Busch komme und einer nomadischen Gemeinschaft entstamme. Ich kenne mich mit Kamelen aus, mit Geissen, mit Kühen, und ich verstehe die Art und Weise, wie die Nomaden mit ihren Nutztieren umgehen. Genau dies sind die Gründe, warum ich die Stelle bei VSF-Suisse bekommen habe. Weil VSF-Suisse die Nomaden genauso respektiert, und weil wir uns alle einfach einig sind: Die Nomaden, VSF-Suisse und ich. Und genau deshalb bin ich nach wie vor sehr glücklich, bei VSF-Suisse zu sein.

 

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Wie zeigt sich dieser Respekt vor der Lebensweise der Nomaden im täglichen Leben?


In erster Linie sieht man es an den Leuten, die wir im Feld haben, wie zum Beispiel Dr. Kebadu und mich. Man kann den Respekt vor der nomadischen Lebensart erkennen, wenn man sich ansieht, wie wir mit der Gemeinschaft verbunden sind, wie wir sie behandeln, und daran, dass wir uns am meisten um die Nutztiere Sorgen machen. Ausserdem merkt man es daran, dass wir auch um gute Zusammenarbeit mit der Regierung, den regionalen Behörden und den Älteren bemüht sind. Und natürlich zeigt sich unser Respekt vor der nomadischen Lebensweise darin, dass wir uns um jedes Tier kümmern, sogar um die allerkleinste Milchgeiss. Wir werden als neutral innerhalb der Gemeinschaft angesehen. Und bevor wir einen Projektantrag einreichen, sprechen wir uns mit der Gemeinschaft ab und fragen sie, was sie braucht. Der Projektantrag wird nur dann wirklich eingereicht, wenn die Gemeinschaft zustimmt.


Wir setzen die Bedürfnisse der Gemeinschaft an erste Stelle. Es ist zum Beispiel so, dass die Nomaden ihre Nutztiere über alles lieben. Deshalb bieten wir ihnen nicht Hilfe für die Menschen an, sondern für die Tiere! Denn die Nomaden würden die Hilfe für die Menschen gar nicht annehmen. Sie stellen ihre Nutztiere an erste Stelle und sind davon überzeugt, dass auch die Menschen gesund sein werden, so lange es nur ihren Tieren gut geht und diese gesund sind. Und VSF-Suisse ist die einzige Organisation in Äthiopien, die sich den Nutztieren annimmt. Die Nomaden wissen dies sehr zu schätzen und nehmen deshalb auch gerne die Hilfe an, die wir ihnen anbieten.


Aber ich möchte auch festhalten, dass alle Veränderungen aus dem Inneren der Gemeinschaft selbst kommen. Nur die Menschen sind es, welche die Veränderungen bewirken! Mit dieser Sichtweise gehen wir alle VSF-Suisse-Projekte an. Die Gemeinschaft nimmt voll daran teil, vom ersten Schritt bis zum letzten.

     

Wo wir gerade bei den Nomaden sind und deiner Fähigkeit, unter ihnen neutral aufzutreten und so hervorragend mit ihnen zu kommunizieren: Wie viele Sprachen sprichst du denn?

 

Ich spreche die 3 grössten Sprachen des Horns von Afrika fliessend. Das sind Somali, das in der gesamten Somali-Region gesprochen wird, sowie Amharisch und Kiswahili, das ich während meiner Ausbildung in Kenia gelernt habe. Und natürlich Englisch. Ausserdem kann ich noch einige weitere Sprachen sprechen, jedoch nicht schreiben, wie zum Beispiel Rahweyn, Arabisch, Oromifa und einige Dialekte der Oromo- und Somali-Sprachen. Mündlich kann ich 9 Sprachen sehr gut. Und natürlich kümmere ich mich auch um die nonverbale Kommunikation. Wenn ich zum Beispiel bei den Nomaden zu Besuch bin, sitze ich niemals an einem Tisch oder auf einem Stuhl, sondern immer am Boden auf meinen Schuhen, wie alle anderen auch. Ich versuche, mich nicht als höhergestellt hervorzutun, nur weil ich eine Ausbildung habe, und ich teile mein Essen mit ihnen so wie sie ihr Essen mit mir teilen. In der Somali-Kultur benutzt jeder das Teetrinken als sozialen Anlass, aber was mich betrifft: Ich habe noch nie in meinem Leben Tee getrunken und ich verwende auch keine anderen Suchtmittel wie Alkohol, Tabak oder Khat, eine Suchtpflanze, die in Äthiopien und Kenia wächst.

 

Du bist ja gewöhnt, über Grenzen hinweg zu leben und zu arbeiten. Gibt es denn irgendein Land, das für dich „Zu Hause“ ist?


Ich bin mir nicht sicher. Da ich ja in Äthiopien geboren wurde, bin ich ein Äthiopier. Aber ich sehe Kenia als meine zweite Heimat an, da ich dort meine Ausbildung erhalten habe. Und ich kann auch in jede andere Region kommen, in der Somali gesprochen wird, und mich dort ganz einfach in die Gesellschaft integrieren ohne aufzufallen, wie zum Beispiel in Somalia oder Dschibuti. Unterm Strich bedeutet das wohl, dass das gesamte Horn von Afrika meine Heimat ist. Ich habe keine Grenzen.

 

Keine Grenzen zu haben ist etwas Grossartiges. Die Nomaden kennen ja auch keine Grenzen. Vor welchen Problemen stehen die Nomaden heutzutage?


Die Lebensart der Nomaden ist ein indigenes System, das in dieser Region seit tausenden von Jahren besteht. Heutzutage nimmt die Anzahl der Nomaden jedoch ab, da es immer mehr Menschen gibt, die so ähnlich sind wie ich und in die Städte ziehen um eine Ausbildung zu erhalten. In der Stadt Gode in der Somali-Region ist es zum Beispiel so, dass jedes Jahr ungefähr 50 Haushalte aus dem Busch weggehen und ein neues Leben in der Stadt beginnen. Aber niemand zügelt aus der Stadt in den Busch und wird zum Nomaden!


Diese Lebensart ist für viele Menschen einfach nicht attraktiv, weil sie viel zu schwierig geworden ist. Da wir die letzten zwei Jahrzehnte stark von der Erderwärmung betroffen waren, sind die Wasserstellen immer weniger geworden und die Regenzeiten kommen nicht mehr regelmässig. Gräser und andere Futterpflanzen der Nutztiere sind kleiner und weniger geworden. Dadurch wurde die Nutztier-Viehzucht erschwert: Es gibt weniger Tiere. Die Nomaden müssen häufige Dürren, Mangelernährung und Nutztiersterben hinnehmen. Zurzeit bedroht eine schlimme Dürre die Siti-Zone ganz im Norden der Somali-Region.


Ausserdem ist es leider so, dass viele Organisationen gar nicht wissen, wie man den Nomaden am besten hilft. Die Nomaden sind ja ständig am Wandern und deshalb ist es eher schwierig, ihnen Unterstützung im sozialen Bereich, medizinische Versorgung, Ausbildung und ähnliches zukommen zu lassen.


Ein weiteres Problem ist, dass viele Kinder die Nomadengebiete verlassen und ins Ausland gehen, weil sie sich dort ein besseres Leben versprechen. Sie gehen vom Busch nach Addis Abeba, dann weiter in den Sudan, dann in den Tschad, nach Libyen, in die Mittelmeer-Gebiete, nach Italien, Deutschland, in die Schweiz, nach Schweden, Norwegen, und so weiter. Leider finden sie dort aber nicht sofort Arbeit, da sie nicht ausgebildet sind. Und sie kennen sich mit den anderen Systemen einfach überhaupt nicht aus. Sie müssen also sehr viel dazu lernen und bleiben für lange Zeit einsam. Sie geben ihren Familien niemals das zurück, was ihre Familien in sie investiert haben.

 

Gleichzeitig verlieren viele Menschen ihr Leben auf dieser anstrengenden Reise. Sie sterben entweder in der Sahara oder im Mittelmeer.
 

Das klingt nach einigen grossen Herausforderungen. Welche Einstellung muss man haben, um Lösungen zu finden?


Nun, wir alle müssen einfach verstehen, dass die Nomaden ihren Lebensstil lieben und ihn behalten möchten! Sie sind nicht an Lösungen interessiert, die sie an Orte oder andere Systeme binden. Sie möchten sich nicht für immer irgendwo niederlassen. Was wir also als erstes brauchen ist fundierte Forschung über die Nomadensysteme und wie es uns am besten gelingen kann, uns mit den Gemeinschaften zu vernetzen und sie mit dem zu unterstützen, was sie wirklich brauchen.


Die holistische Einstellung des One-Health-Programms, die gesunde Tiere und gesunde Menschen in einer gesunden Umwelt beinhaltet, ist exakt jene Einstellung, welche die Nomaden haben. Es ist auch die einzige Sichtweise, die sie akzeptabel finden. Und wir können einfach nicht die indigene Lebensweise von Menschen ignorieren, die diese bereits seit der Steinzeit praktizieren!


Wichtig ist es auch zu erkennen, dass die Nomaden es unbedingt brauchen, sich selbst helfen zu können und sich selbst versorgen zu können. Etwas von anderen zu bekommen ist für sie nur kurzfristig positiv. Langfristig können sie nur zufrieden sein, wenn sie etwas selbst geschaffen haben. Es gibt ein Sprichwort bei den Nomaden: „Wasser ist nur erfüllend, wenn man es mit den eigenen Händen schöpft.“ Ausserdem sind sie der Meinung, dass eine Stadt nicht lebensfähig ist, wenn sie nicht ein Nomadengebiet aussen herum hat, da sich die Menschen in Afrika hauptsächlich von Nutztierprodukten ernähren.
 

Was zeichnet VSF-Suisse im Umgang mit den Nomaden aus?


Bei VSF-Suisse sagen wir: “Lasst die Nomaden weitermachen, und lasst die Nomadengemeinschaft den Weg vorgeben.“ VSF-Suisse lernt von den Gemeinschaften, da diese sich selbst am besten kennen. Sie wissen am besten, wie man Nutztiere gesund hält und die Umwelt dabei schützt. Wenn wir ihnen nicht zuhören, verletzen wir sie. Aber jedes Mal, wenn wir der Gemeinschaft zuhören, können wir etwas zum Positiven verändern. Also lasst uns kein Heilmittel anwenden, das schlimmer ist als die Krankheit selbst. Wenn wir das ganze Nomadensystem stören, helfen wir nämlich überhaupt nicht.


Und was mich selbst betrifft: Ich bin stolz darauf, ein Nomade zu sein. Die Nomaden sind meine Leute und ihr Lebensstil ist auch meiner.
 

In Anbetracht des bisher Gesagten, was möchtest du den Schweizer Spenderinnen und Spendern, denen das Wohlergehen der Nomaden-Gemeinschaft am Herzen liegt, noch gerne mitteilen?


Ich möchte mich im Namen der Nomadengemeinschaft für all eure Unterstützung bedanken! Sie ist unerlässlich für die Nomaden! Es ist einfach gut, dass wir alle gemeinsam die Regionen wieder aufbauen, in denen die Nomaden schon für so lange Zeit gelebt haben. Egal, wie klein die Hilfe ist, so macht sie doch ganz Grosses aus! Wir brauchen die Hilfe von jedem. Ich danke euch ganz herzlich und bin in Gedanken bei euch!

 
Interview: Kerstin Köffel
 
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Tags: Abdirashid Salah Somane  Äthiopien  Gebietsleiter  Kamele  Kenia  Nomaden  Somalia  Somali-Region  VSF hat ein Gesicht  VSF-Suisse 
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